Die Poesie der Zerspanung
Das Herz eines Bastlers, es ist aus Messing. Ein Essay über Basteln als Lebensgefühl.
Von Gerald Nelsen
Ein Mann ohne Werkzeug ist eine traurige Erscheinung. Aber selbst mit Werkzeug ist noch längst nicht jeder Mann ein Bastler. Denn ein Bastler ist immer auch ein Schwärmer, ein Mensch mit Träumen, in denen er wahrscheinlich gerade ein Gewinde schneidet, und es duftet nach Maschinenöl. Er hat Sehnsucht nach Werkstoffen, nach Messing und Stahl, nach Plexiglas und Birnbaumholz. Obendrein hat er gar Visionen, ein Getriebener ist er, verfolgt bis in den Schlaf vom nächsten Apparat, der darauf wartet, unter seinen Händen zu werden, auf dass das Werk den Meister lobe, und alle die da mit ihm sind. Ein Mann mit Werkzeug gibt ein schönes Bild, aber ohne den ganzen Rest ist er einfach nur ein Handwerker.
Darin liegt keine Geringschätzung des Handwerks, im Gegenteil: Der Bastler bewundert jeden Handwerker und schaut ihm mit Wonne bei der Arbeit zu. Er preist die Routine des Elektrikers beim Verdrahten von Schaltschränken. Er bestaunt die Selbstverständlichkeit des Malers, der mit dem Pinsel makellose Oberflächen lackiert. Er gerät in Verzückung über die perfekten Schweißnähte des Schlossers; und dessen Fähigkeit, aus dem Handgelenk heraus präzise rechtwinklig zu feilen, gerät ihm zur Melancholie. Denn ach, zu solcher Meisterschaft wird er es niemals bringen. Zwar kann er feilen, und all das andere auch, er weiß wie's geht. Zur Perfektion jedoch fehlt ihm die Übung, meistens jedenfalls, und so schwankt er innerlich zwischen Alleskönner und Universal-Dilettant.
Die Nähe zum Handwerker, wenn sie sich ergibt, festigt den Bastler, erst abgeschaut, dann selbst gebaut, so bleib doch noch ein Weilchen, auf dass ich von dir lerne. Wenn es gut läuft, wird aus der anfänglich zögerlichen Annäherung ein intensiver Austausch, an dessen Ende der Bastler dem Profi eines seiner Stücke zeigt. Der wiederum fragt sich insgeheim, wie er halbwegs höflich wieder rauskommt aus der Nummer, und rafft sich zum besten auf, das er zu bieten hat: Das könnte ich nicht! Da hätte ich nicht die Geduld dazu! So sehr dieser Klassiker der Kommentare den Bastler zunächst freut, stets bleibt auch ein Zweifel, wie ehrlich es damit gemeint war. Überhaupt: Ist das nun ein Lob, oder hat der mich gerade zum Spinner erklärt? Gequältes Lächeln. Wird Zeit, dass er geht.
Der Bastler seufzt und repariert
Vollends kompliziert wird es bei der Auseinandersetzung zwischen Bastler und Frau. Frauen sind keine Bastler, nicht im hier beschriebenen Sinn, denn sie fragen immer: Wozu? Natürlich gibt es Frauen mit Werkzeug, es werden auch immer mehr. Vielleicht schaffen auch Frauen eines Tages den Durchbruch auf dem Weg zur gewerklichen Verklärung. Einstweilen aber ist für Frauen Werkzeug und der Umgang damit, wenn schon nicht mehr ausschließlich Männersache, so doch eine absolut rationale Angelegenheit – die Vorstellung, beim Anblick einer Drehbank den Verstand zu verlieren, für sie mithin vollkommen abwegig. Nein, nein, handwerkliches Geschick, nicht wahr, das braucht man, um die allfälligen Probleme in Haus und Garten zu meistern. Der Rasenmäher verliert die Räder, die Waschmaschine klingt wie ein Learjet, und das Radio im Büro brummt wie, nun, es brummt eben.
Der Bastler seufzt und notiert: Rasenmäher, Räder mit Stoppmuttern sichern. Waschmaschine, Kugellager tauschen. Radio, Kondensatoren im Netzteil prüfen.
Er kann das alles und wird es auch erledigen, aber es erfüllt ihn nicht. Schatz, ich bau mir eine Teslaturbine. Auweh, der Abend ist gelaufen. Die Teslaturbine, genialer Entwurf des Edison-Konkurrenten Nicola Tesla, ist eine Kraftmaschine mit einem Minimum an bewegten Teilen, ein technischer Aberwitz, bei dem man sich fragt, welche Sorte Drogen
man nehmen muss, um auf so eine Idee zu kommen. Das passt zu dem seltsam schillernden Erfinder, der bei Westinghouse quasi im Alleingang alle zum Betrieb von Wechselstromnetzen nötigen Maschinen ersann, tödliche Blitze in die Wüste schleuderte und bei seinem Tod mangels Aufzeichnungen mehr Rätsel hinterließ, als er selber je gelöst hatte. Wie auch immer: Eine Teslaturbine hat einen miserablen WAF. Der „Women's Acceptance Factor“ ist das Maß für die Unterstützung, die sich ein Bastler für ein Projekt von seiner Lebenspartnerin erhoffen darf. Eine automatische Gartenbewässerung mit Regenwasserzisterne kommt allemal auf einen WAF von 80 Prozent. Eine Teslaturbine liegt klar bei Null.
Sie weiß nicht, was das ist. Er erklärt es ihr. Sie will wissen, warum er so ein Ding bauen will. Na, also, weil: Es ist so exotisch, und es ist so eine elegante Konstruktion. Aha. Mag ja sein, aber wozu?
Das führt zu nichts. Der Bastler schweigt, repariert den Rasenmäher und das restliche Geraffel, fühlt sich unverstanden von aller Welt und beginnt insgeheim, das Material für seine Turbine zu sammeln. Erster Schritt: Inventur. Die meisten Bastler glauben, sie hätten die Materialbestände in ihrer Werkstatt jederzeit im Kopf. Wobei „Werkstatt“ ein durchaus relativer Begriff ist: Im einfachsten Fall ist die Werkstatt eine Schreibtisch-Schublade, die sich nur schwer schließen lässt. Da ist die Inventur natürlich schnell erledigt. Das andere Extrem ist die Wohnwerkstatt, komplett mit Bar und Polstergarnitur. Doch, das gibt es. Vergessenes Material (Bastler sprechen fachmännisch von „Halbzeug“) findet sich jedenfalls immer – es sei, denn, man sucht gezielt danach.
Einst kommt die Zeit ...
So zwei-, dreimal im Jahr, wenn der Bastler etwas gründlicher aufräumt, stößt er in entlegenen Winkeln seiner Werkstatt neben vertrockneten Achtbeinern auf ein 20-Millimeter-Messingrohr, einen Karton fabrikfrischer Radioröhren von 1955 und ein Paket Kirschholzbrettchen. Erst da dämmert ihm, dass er vergessene Schätze hortet, Beute unverhoffter Gelegenheiten, jedes Stück verbunden mit der Vorstellung einer Bestimmung, die alleine er kennt. Das Rohr sollte eine Blockflöte werden, aus den Röhren ein Verstärker, und das Holz, nun, das gäbe ein hübsches Gehäuse dazu. Es ist wie das Blättern in Fotoalben, er sieht Bilder, sie fallen über ihn her, leuchten wie Dias, klagen ihn an, nie hast du Zeit für mich! Zurück ins Regal damit, in der Hoffnung, dass sie schon noch kommen wird, die Zeit.
Auf dem Weg in den Baumarkt wächst die Erregung. Baumärkte sind die bunte Glitzerwelt. Verlockend, aber sie halten nicht alles, was sie versprechen. Im Baumarkt ist der Bastler daran zu erkennen, dass er nie direkt auf die Dinge seines akuten Bedarfs zusteuert, sondern immer zuerst in die Abteilung mit den Elektrowerkzeugen. Wenn er sie schon nicht alle haben kann, so will er sie doch wenigstens hin und wieder besuchen. Er hat bereits zwei Bohrmaschinen, einen Akkuschrauber, Stichsäge, Bandsäge, Dekupiersäge, Oberfräse, Dremel, Elektroschweißgerät und Flex. Dazu ein reiches Sortiment an Handwerkzeugen, vom Splintentreiber bis zum Drehmomentschlüssel. Jetzt steht er vor einer Tischkreissäge. Kraftvoll sieht sie aus, aggressiv, und trotzdem Präzision verheißend. Wer sie hat, wer sie beherrscht, der tut sich wohl in vielem leichter. Doch der Bastler reißt sich los und wendet sich den Standbohrmaschinen zu. Die Daten kennt er auswendig, die Preise sowieso. Längst hat er sich entschieden, nur noch nicht getraut – auch für Werkzeug gilt der WAF.
Die Königin der Werkzeugmaschinen ist im Baumarkt ohnehin nur selten zu finden: Die Drehbank. Profis sagen „Drehmaschine“ und fügen hinzu, sie seien schließlich keine Drechsler. Die Drehmaschine übt auf Bastler eine unwiderstehliche Faszination aus. Ihre Handhabung will gelernt sein und geübt wie ein Musikinstrument. Sie arbeitet mit einer Präzision, die eigene Messinstrumente erfordert; vor allem aber benötigt sie eine ganze Infrastruktur an Zubehör. Spannmittel, um die Werkstücke greifen zu können, Drehstähle, um sie zu bearbeiten, einen Schleifbock, um die Drehstähle abzurichten. Mitlaufende Körnerspitze, Bohrfutter, Zentrierbohrer, Lünette, Drehherz, Planscheibe. Die Liste ist endlos, und der Bastler betet sie rauf und runter. Die Drehmaschine eröffnet ihm die Welt der ernsthaften Metallbearbeitung, was dem Nirvana ziemlich nahe kommt. Jeder Bastler wird sich irgendwann eine Drehmaschine zulegen, wenn es nur irgendwie geht. Kommt noch eine Fräsmaschine hinzu, wachsen seine Möglichkeiten ins Unendliche.
Wahres Recycling ist die Kultur der Zweckentfremdung
Ein Baumarkt ist mit solchen Ansprüchen klar überfordert, auch beim Material: Jenseits von zehn Millimetern Durchmesser ist der Lieblingswerkstoff Messing hier nicht vertreten. So bleibt der Baumarkt stets nur Etappe auf dem Weg zum Schrottplatz. Mit „Schrottplatz“ meint der Bastler nicht die Autoverwertung, sondern einen Metallrecyclingbetrieb. Hier strahlt es ihm sortenrein entgegen, das Bastlergold: Messing, tonnenweise als Industrieabfall. Aber auch Aluminium, Stahl und interessante Kunststoffe. Mit Glück finden sich auch Kugellager, intakte Elektromotoren und fette Transformatoren, die sonst ein Vermögen kosten würden. Weil Schrottplätze selten sind, die den Stoff zu Kilopreisen verkaufen, nehmen Bastler oft weite Strecken auf sich und bewegen ihr Mobil auf dem Rückweg nahe am Achsbruch, aber mit verklärtem Blick.
Quellen vergleichbarer Ergiebigkeit sind sonst nur noch die wenigen Wertstoffhöfe, deren verständnisvolles Personal das Containertauchen nicht mit Platzverweis belegt. Aus Sicht des Bastlers völlig unverständlich, betreibt er doch Recycling in Reinkultur, wenn er nach
Buntmetall fischt oder Elektronik einheimst, um sie zuhause instand zu setzen oder die Bauteile aus den Platinen auszulöten. Was übrig bleibt, bringt er brav zurück, denn das ist nun wirklich Abfall.
Dann, endlich, ist Bastelzeit. Der Bastler steht in seiner Werkstatt, vielleicht sitzt er auch, sammelt sich. Kramt nach der Skizze, die neulich abends im Biergarten entstanden ist, misstrauisch beäugt von Tischnachbarn. Was wissen die denn schon, gar nichts, sind nur Konsumenten. Er dagegen fühlt sich auserwählt, als Träger eines kostbaren Wissens. Eines der liebsten Klischees von Bastlern ist der „verrückte Professor“, der unverstanden von allen in seinem Labor an der Übernahme der Weltherrschaft arbeitet. Das ist zwar nicht das selbe, aber der Bastler kann ihn gut verstehen und würde ihn gerne mal kennen lernen.
Das Ziel klar vor Augen legt er nun los, dass jeder Ingenieur blass wird vor Neid. Kein Lastenheft beschwert ihn, allenfalls der eigene Wunsch nach Perfektion. Kein Controller sitzt ihm im Nacken mit leidigem Genöle, es doch bitte billiger zu machen. Selbst die Physik ist ihm nahezu egal. Der Bastler lebt mit ihr, er nimmt die Welt als Gefüge von Materialien und Kräften wahr, mit ihm selbst mittendrin. So ist er der geborene Empiriker, der nicht berechnet, sondern ein Gefühl entwickelt hat: Das hält, das funktioniert. Des Ingenieurs Bedenken schwindet, wenn Theorie zur Praxis findet. Der Bastler hat keine Bedenken, und auch kein Designer schreibt ihm Schönheit vor. Dabei strebt er durchaus eine besondere Art von Ästhetik an, die aus der Wahl der Materialien und deren Bearbeitung entsteht. Fast jeder Bastler entwickelt einen eigenen Stil.
So entstehen Dinge, die es nirgends zu kaufen gibt. Ein Notebook mit Edelholzgehäuse. Ein dreistimmiges Glockenspiel als Türklingel. Ein Gewitterwarngerät mit Entfernungsanzeige. Ein Brühautomat für Teebeutel. Es kann Jahre dauern, bis sie fertig sind, aber was spielt das schon für eine Rolle? Der Bastler steht an seiner Drehmaschine und kurbelt mit dem Längsvorschub die Schneide ins Werkstück. Messing fühlt sich weich an, wenn man es zerspant. Die blitzenden Späne umflirren seinen Kopf, prasseln gegen die Schutzbrille. Wie er so dasteht, versunken in die Teilstriche der Skala auf den letzten Zehntelmillimetern, da ist er einfach nur glücklich.